Kein Land und kein Wasserlauf wurden direkt oder indirekt von der Veränderung durch den Menschen verschont. Zum ersten Mal in der Geschichte der Erde war eine Spezies imstande, die Umwelt wesentlich zu beeinflussen. Unserer Spezies gelang es, das Klima zu ändern, tierische und pflanzliche Lebensformen zu vertilgen und Natursysteme und –zyklen abzuwandeln. Dieser Fähigkeit des Eingriffs scheint jedoch keine ähnliche im Umgang zu entsprechen. Um die gegenwärtigen Niveaus der Gesamtwirtschaft aufrechtzuerhalten, werden die Naturschätze der Erde ausgeschöpft. Dabei kommt es zu in der Geschichte der Menschheit nie da gewesenen Veränderungen, die nicht nur die Ressourcen und Erneuerungsfähigkeiten der Natursysteme überfordern, sondern anscheinend auch die der Fähigkeiten der Institutionen, die Probleme zu meistern. Viele Anzeichen beweisen, dass unsere Tätigkeiten die Fähigkeit der Natursysteme übersteigen, die eingetretenen Änderungen zu verkraften und sich daran anzupassen, ohne ihre Aufgaben zu beeinträchtigen. Es ist notwendig zu verstehen und Perspektiven zu entwickeln, wie der Mensch unter Beachtung des natürlichen Gleichgewichts leben und erzeugen kann, ohne dass sich seine Tätigkeit in einen Bumerang für ihn selbst, die anderen Arten und die Welt verwandelt, die er anderen überlassen wird. Unter dem Stichwort Nachhaltigkeit werden diesbezüglich nach Lösungen gesucht.

Die Aufgabe der Wissenschaft

Man kann Nachhaltigkeit als eigenständige Wissenschaft betrachten, die untersucht, wie die Erschöpfung der Natur- und Gesellschaftssysteme vermieden und die Entwicklungsfähigkeit der Systeme unterstützt werden können, damit die Chancen für die Zukunft nicht verringert oder gar zerstört werden, und die „Karten“ zur Harmonisierung unserer Gesellschaften und ihrer sozioökonomischen Entwicklung mit den Natursystemen aufzeichnet. Die Wissenschaft der Nachhaltigkeit geht vom Anstoß der außerordentlichen Fortschritte in den traditionenellen Wissenschaften (Physik, Ökologie, Wirtschaft, Soziologie, Anthropologie) aus und profitiert von den Impulsen aus Umweltwirtschaft, Erhaltungsbiologie, Landschaftsökologie, Wiederherstellungsökologie, um die auf den menschlichen Eingriff sowie auf die auf natürliche dynamische Prozesse zurückgehenden Veränderungen zu untersuchen und das Ausmaß dieses Wandels zu bestimmen, um den Entscheidungsträgern Alternativen und Auswege aus der Krise aufzuzeigen.

Zwischen Mitte der 1990er Jahre und dem Anfang des dritten Jahrtausends hat die Wissenschaft der Nachhaltigkeit einen starken Impuls erhalten. Untersuchungen, Unternehmungen. wissenschaftliche und technologische Analysen, internationale Forschungsprogramme zum globalen Wandel haben es sich zum Ziel gesetzt, einen Beitrag zur Verwirklichung von Nachhaltigkeitsmöglichkeiten für gesellschaftliche und wirtschaftliche Modelle zu liefern. Der Friedensnobelpreis 2007, der den Wissenschaftlern des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) (einer Forschungsanstalt für den Klimawandel) verliehen wurde, zeugt von der Bedeutung, die nunmehr die wissenschaftliche Gemeinschaft der Forschung der Erde beimisst, und von der Würdigung der Umweltfragen als für die soziale Stabilität wichtige Elemente.

Nachhaltige Entwicklung

Ein Schlüssel zu einer nachhaltigen Zukunftsgestaltung liegt in der nachhaltigen Entwicklung. Dabei handelt es sich um ein anspruchsvolles Unterfangen, weil in der Politik und Wirtschaft noch eine sektorbezogene und keine integrierte Auffassung der Wirklichkeit vorherrscht und bestimmte Aspekte getrennt betrachtet werden, obgleich sie nur unscharfe Grenzen und zahlreiche Verbindungen aufweisen. Deshalb sollte es zu einer „Kulturrevolution“ kommen, um fest verwurzelte Denksysteme in Frage zu stellen und eine neue Politik zu verwirklichen, die auf einer verschiedenen Auffassung von dem beruht, was gerade vor sich geht, und von dem, was eintreten kann. Das Ziel ist anspruchsvoll und stellt eine ständige Herausforderung an die menschliche Fähigkeit der Untersuchung, der Vorschau und der Interdisziplinarität dar. Diese Herausforderung erfordert rasches Handeln, weil alles exponentiell „wächst“: die Bevölkerung, das Bruttoglobalprodukt, die Entwicklungsrate der Technologie, die Zerstörungs-, Umwandlungs- und Veränderungsrate der Natursysteme und der irdischen Biosphäre.

Italiens Umweltkrisenherde

In Italien hat sich in den letzten 45 Jahren die ökologische Prägung (der durchschnittliche Anspruch auf Ressourcenbedarf je Person) mehr als verdoppelt, während ein leichter aber stetiger Abfall der Biokapazität (die durchschnittliche Verfügbarkeit von Ressourcen je Person, die sich jährlich je nach der Gestaltung der Ökosysteme, des Klimas und der landwirtschaftlichen Praxis ändert) erfolgt ist. Daraus ergibt sich ein ökologische Defizit und die Unmöglichkeit, die in den internationalen Gremien unterzeichneten mittelfristigen politischen Ziele zu erreichen. Die gesamte Umweltsituation in Italien ist leider nicht positiv, wie aus den regelmäßig durch das Istituto Superiore per la Protezione e la Ricerca Ambientale (ISPRA) veröffentlichten Jahrbüchern der Umweltdaten hervorgeht.

Die Müllerzeugung ist beispielsweise zwischen 1997 und 2006 insgesamt von ungefähr 87,5 auf 167 Mio. Tonnen um 91% angestiegen. Hinsichtlich des Stadtmülls entfallen 2007 die höchsten Erzeugungswerte auf Mittelitalien mit ungefähr 630 kg/Einwohner, während im Süden 508 kg und in Oberitalien 539 kg erzeugt wurden.

Italiens Küsten sind stark beansprucht: über 300 km Küste werden für Häfen für die Handels- und Vergnügungsschifffahrt verwendet, während 65% des Küstenstreifens (bis 10 km vom Meer) für andere umweltfeindliche, irreversible, menschliche Tätigkeiten genutzt werden. Italien ist eines der Länder mit der stärksten Küstenerosion.

Die Förderindustrie ist im Vergleich zum vorigen Jahrhundert stark gesunken, doch wurden Probleme hinsichtlich der aufgegebenen Stätten nie gelöst. Der starke menschliche Eingriff und das Ausmaß des Produktionssystems üben einen starken Druck auf den nationalen Wasserhaushalt aus.

Italien ist eines der in Bezug auf Biodiversität reichsten Länder Europas und besitzt die Hälfte der in Europa vorkommenden pflanzlichen und tierische Arten.

Die Nachfrage nach dem auf nationale Befrachter anfallenden Güterbinnenverkehr hat zwischen 1990 und 2007 eine Zunahme von 27% aufgewiesen; 2007 wurden 65% des Güterverkehrs im Inland per Lkw befördert.

Forderungen an die Umweltpolitik

Italien benötigt deshalb einen festen politischen Programmierungsplan zur Förderung der Forschung und der Verbreitung einer nachhaltigen Politik auf dem gesamten Landesgebiet und für die verschiedenen Sektoren. An Anstrengungen und Erfolgsgeschichten in dieser Hinsicht hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt. Das Weltkulturerbe stellt sicher eine besondere Herausforderung an Italiens Politik dar, auch hier nachhaltig im Sinne von Schutz und Bewahrung, insbesondere der zahlreichen Naturschutzgebiete zu wirken. Die internationale Vereinigung Slow Food stellt ein erfolgreiches Beispiel in dem Sinne dar, dass das Engagement in einem Sektor der Nachhaltigkeit - die Nährmittelpolitik - mit einer Aufforderung zu einer besseren Lebensqualität verbunden wird.

 

Gianfranco Bologna, Serena Ciccarelli

Weiterführende Literatur

  • Bologna, Gianfranco: Manuale della sostenibilità, Edizione Ambiente 2008.
  • Ronchi, Edo: Lo sviluppo sostenibile in Italia e la crisi climatica, Edizione Ambiente 2008.
  • Sachs, Wolfgang: Planet Dialectics, Zed Books 2000.
  • Passmore, John: Man’s responsibility for nature, Gerald Duckworth & Co. Ltd, London 1980.